Euro 4 Norm für Motorräder – was ändert sich?

Einige Motorrad-Klassiker fallen der Euro-4 Norm zum Opfer.
Einige Motorrad-Klassiker fallen der Euro-4 Norm zum Opfer.

Region. Sie kommt mit mächtigen Schritten auf uns zu: Ab 01. Januar 2017 gilt die neue Euro 4 Norm und sorgt teilweise für einen heftigen Wirbel in der Modellpolitik der Motorradhersteller.

Doch was beinhaltet die neue Verordnung? Wie haben Hersteller darauf reagiert? Für welche Maschinen bedeutet sie das“ Aus“ ab 2017? Locken jetzt noch Schnäppchen vor Ort beim Händler?
Das Bike Portal von lokalo24.de hat bei verschiedenen Händlern aus Nord- und Osthessen nachgefragt.

Ein Sack voller neuer Regeln

Die EU hat eine umfangreiche Liste von Voraussetzungen zusammengestellt, welche die Motorradhersteller arg ins Schwitzen bringt.
Unter anderem schreibt die neue Euro-4-Norm strengere Abgaswerte vor, gleichzeitig gelten härtere Bedingungen für die Geräuschemission. Für alle Zweiräder über 125 Kubik ist ABS in Zukunft Pflicht. Eine sogenannte Onboard-Diagnose muss bei jedem Motorrad über einen OBD-Stecker mit einem einheitlichen Format möglich sein, genauso wie eine geschlossene Tankentlüftung mit Aktivkohlefilter. Letzteres ist schon seit Jahren Pflicht für Motorräder auf dem amerikanischen Markt.

Darüber hinaus beinhaltet das neue Regelwerk eine Unmenge an Details, mit denen sich die Motorradhersteller auseinander setzen mussten.
Denn nur dann, wenn diese neuen Voraussetzungen bei einem Motorrad erfüllt sind, kann es ab kommenden Jahr auch als Neufahrzeug zugelassen werden.

Kein Wunder, dass die Euro 4 für mächtigen Wirbel bei den Motorradherstellern sorgt und die Modellpolitik teilweise enorm verändert .

Bei vielen Herstellern wurden bereits Modelle für 2016 an die neuen Anforderungen angepasst. Diese sind somit aus dem Schneider. Für einige Modelle aber ist die technische Umrüstung angesichts der möglichen Verkaufszahlen zu kostenspielig. Für sie heißt es also ade auch wenn es sich zum Teil um legendäre Modelle handelt.

Ein Schlupfloch hält die Neuregelung allerdings bereit: Die Hersteller können mit einer speziellen Ausnahmegenehmigung, „Auslaufende Serie“ genannt, auch nach dem Stichtag 1. Januar 2017 noch Euro-3-Modelle verkaufen – jedoch nur in limitierter Stückzahl. Pro beantragtem Modell dürfen dies zehn Prozent der Neuzulassungen aus den Jahren 2015 und 2016 sein. Sollte diese Summe kleiner als 100 Stück ausfallen, darf der Hersteller auf eben diese 100 Fahrzeuge aufrunden. Allerdings dürfen diese Fahrzeuge nur noch in den Jahren 2017 und 2018 zugelassen werden.

Die Händler kommen zu Wort

Da die Thematik nicht neu ist, beschäftigte die Euro-4-Norm Hersteller, Händler und Motorradfahrer bereits das ganze Jahr. Gerade die Motorradhersteller schotteten sich sehr lange ab und machten ein großes Geheimnis daraus, welche Modelle das Jahr 2016 überleben und welche nicht.

Das Bike Portal von lokalo24.de hat mit verschiedenen Motorradhändlern in Nord- und Osthessen gesprochen und bekam klare Aussagen:
Für Roland Busch, Inhaber des Motorradhauses Busch & Wagner in Fulda/Petersberg, hat BMW seine Hausaufgaben richtig gut gemacht. Alle Modelle sind nach Euro-4-Norm zugelassen worden, sogar die alten luft-öl-gekühlten Motoren der R nine T-Reihe sind entsprechend angepasst worden und nehmen die neue Hürde. Direkt eingestellt wird bei BMW keines der alten Modelle. Und schon jetzt macht der Hersteller neugierig auf neue Modelle ab 2017.
Bei Ducati sieht es ein wenig anders aus: So erhält beispielsweise die 1299 Panigale die spezielle Ausnahmegenehmigung für die Jahre 2017 und 2018. Es dürfen dann nur noch 100 Stück deutschlandweit verkauft werden. Für die restlichen Euro-3-Modelle (zum Beispiel die Scrambler), die jetzt noch beim Handel stehen, hat Ducati ebenfalls die Ausnahmegenehmigung erhalten. Die aktuellen Scrambler-Modelle sind jedoch bereits Euro-4 konform. Somit wird es hier wohl keine Schnäppchen zu holen geben. Selbst die eine Monster 1200 S, die derzeit noch im Laden steht und nur Euro-3 hat, wird nächste Woche verkauft.

Besonders glücklich über die Euro-4 Norm ist man auch im Lager von Harley-Davidson nicht. „Für uns heißt es Abschied nehmen von der kompletten V-Rod Reihe,“ sagt Christian Zahn von Harley-Davidson Kassel. Die Baureihe hatte den stärksten und zugleich Harley untypischsten Motor.

Die Motorräder der Marke Indian hingegen sind safe. Soll heißen, dass alle Modelle die Voraussetzungen erfüllen. Für den Kunden bleibt die ganze Breite der Modell-Palette wie bekannt erhalten.
Bei Victory gibt es durch die Euro-4 Einschnitte: „Wir haben für das nächste Jahr keine neuen Tourer bei Victory“, so Axel Wieden, Inhaber von Rhönmotor in Flieden. „Die großen Maschinen haben alle eine Sondergenehmigung und die letzten im Bestand befindlichen 2016er können damit verkauft werden. Erst Ende 2017 kommt dann ein ganz Neuer Tourer nach Euro-4 Norm.“ Nicht mehr vertrieben wird die „Hammer“ und die „Vegas“, weil kein ABS verbaut ist. Alle anderen Modelle bleiben auch 2017 erhalten. Für den Kunden hat es den Vorteil, dass hier aktuell interessante „Schnäppchen“ zu haben sind. Ein Weg nach Flieden lohnt sich also.

Richtig viel Veränderung erwartet das Zweirad-Center Zöller in Schlitz: Das Motorradhaus vertreibt ausschließlich japanische Motorradmarken. Nach Informationen von Inhaber Michael Zöller werden einige Modelle von Honda, Yamaha und Suzuki nicht sofort für Europa von Euro-3 auf die neue Euro-4-Norm umgerüstet. „Es kann sein, dass wir bestimmte Modelle eins, zwei Jahre nicht mehr sehen. Wenn eine weltweite Modellüberarbeitung passiert, dann taucht das entsprechende Motorrad eventuell wieder neu oder als Nachfolger erneut auf“, so Michael Zöller.

Legende Gold Wing ade

Hier wird sie immer bleiben – die Gold Wing.
Hier wird sie immer bleiben – die Gold Wing.

Honda hat bereits dieses Jahr viele Modelle auf Euro-4 umgestellt. Einige werden noch überarbeitet oder man zieht die Karte „Ausnahmegenehmigung“.

Abschied nehmen heißt es jedoch von Legenden wie dem Tourensportler CBF 1000 und dem Luxus-Tourer Honda Gold Wing. Ob gerade Letztere bei einer Modellüberarbeitung dann eines Tages wieder auf dem europäischen Markt als Neufahrzeug auftaucht, steht noch in den Sternen.

Bei Suzuki ist der Radikalschlag relativ groß. Nur die Neuheiten vom letzten Jahr plus die Dl 650 und die Dl 1000 bleiben im Programm für 2017. Klassiker wie GSF 650 Bandit oder GSF 1250 Bandit laufen aus. Das gleiche gilt für fast alle Supersportler von Suzuki. Die 600er und 750er Supersportler haben kein ABS und fallen somit weg. Nur die großen 1000er haben ABS und schaffen die Hürde Euro-4-Norm.

Bei Yamaha fällt die XJ6-Serie, die klassische XJR 1300, die FZ8-Baureihe sowie Einzylinder wie die XT 660 der Euro 4 zum Opfer. Ausnahmeserien sind Wettbewerbs-Enduros.

Alle Chopper/Cruiser-Modelle von Yamaha und Suzuki über 125 Kubik, die ja fast komplett ohne ABS ausgestattet sind, wird es nächstes Jahr in der Fahrzeugpalette ebenfalls nicht mehr als Neufahrzeug geben.

Alle drei Hersteller werden uns aber in 2017 sicherlich mit neuen Modellen überraschen und erfreuen. Preisgünstige Aktionen seitens der japanischen Hersteller gab und gibt es kaum, da auch hier bei dem einen und anderen Modell die Ausnahmegenehmigung für die nächsten zwei Jahre als Option gezogen wurde. Zudem kommt bei den drei Herstellern hinzu, dass die Bestände vor Ort an Motorrädern so gering sind, dass Rabatt-Aktionen hinfällig werden.

Bestandsschutz

Die gute Nachricht diesmal zum Schluss:
Wer Besitzer eines Motorrades ist, das bereits zugelassen ist, der kann sich beruhigt zurücklehnen und durchatmen: Es gibt Bestandsschutz – nichts muss nach- oder umgerüstet werden, denn beim regelmäßigen TÜV müssen nur die zum Zeitpunkt der Zulassung gültigen Bedingungen erfüllt werden. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt jedoch: Denn vermutlich werden die Motorradhersteller die Kosten für die Umstellung auf Euro-4-Norm in Form von höheren Preisen an die Kunden weitergeben.

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