Mit dem Motorrad über zwei Pässe zum Espresso

Rasante Abfahrten Richtung Meran.   Fotos: Schupp
Rasante Abfahrten Richtung Meran. Fotos: Schupp

Südtirol. Was macht man, wenn einem die Lust auf einen Espresso packt? Man setzt sich aufs Bike, wählt eine Tour durch Kurven und über Pässe und bestellt in Meran einen aromatischen Espresso, genauer gesagt zwei. So geschehen vor kurzem in Südtirol – und ab geht die Tour.

Über zwei Pässe

Startpunkt ist Eppan, unweit von Bozen in Südtirol; eine idyllische Großgemeinde an der mediterranen Weinstraße.

Nur vier Kilometer, dann geht es bereits links ab den Mendelpass hinauf. Die Italiener nennen ihn Passo Mendola, eine Pracht von Kurven und Kehren und das vierzehn Genuss-Kilometer lang – einfach herrlich. Hier auf der SS42 hinauf hast du alles, was das Biker-Herz begehrt: Enge und langgezogene Kurven, geile Kehren und idealen Asphalt unter deinen Pneus. Ich habe sogar noch mehr: Eine reizvolle Begleiterin hinter mir auf dem Sozius.

Oben auf 1.363 Metern machen wir keinen Zwischenstopp, sondern rollen gemütlich im zweiten Gang an Hotels, Gasthöfen und Terrassen-Cafes vorbei in Richtung Ronzone. Aber Achtung: Wir nehmen einen kleinen, aber sehr lohnenden Umweg über das verträumte Örtchen Ruffré; also kurz hinter der Passhöhe links weg und ein Stück hinunter. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Alte, teils verlassene Häuser, Bergbauern bei ihrer beschwerlichen Heuernte auf den steilen Wiesen und wirklich glückliche Kühe auf den saftigen Weiden. In den heutigen Augen der gehetzten Gesellschaft ein Ort der Stille und Ruhe, fast ohne jeglichen Komfort.

Herrliche Kurven und Kehren am Mendelpass
Herrliche Kurven und Kehren am Mendelpass

Zurück auf die SS42 und nach einigen schönen Kurvenpassagen geht es durch Ronzone, eine 424 Einwohner zählende Gemeinde des Trentino im Nonstal.

Ab hier ist die Streckensuche sehr bequem; wir folgen einfach der Beschilderung Richtung Meran. Ein kleiner, etwa 150 Meter langer Tunnel, dann die Via Roma in Sarnonico hinunter und dann spitz rechts weg führt uns zwei die SS43Dir durch das Örtchen Fondo, wo wir fast der Versuchung erlegen einen Umweg über Madonna di Campiglio, besonders bekannt durch den Alpinen Skiweltcup, zu machen.

Aber nein: Für die Kartenleser geht´s jetzt nur noch auf der SS238 weiter; also Gas auf.

In Sant Felix verrät uns die Beschilderung, wohin es geht und wie weit es noch ist: 36 Kilometer bis Meran und vorher in 7 km Entfernung der Gampenpass. Die Asphaltverhältnisse sind wirklich gut, selbst auf den kleinen Straßen. Ich habe den 80km/h-Modus drauf, ideal für die Espresso-Fahrt und vor allem für meine Sozia, vorbei an langgezogenen Tälern, steilen Felsformationen und schattigen Wäldern.

Südlich vom Gampenpass machen wir Station bei „Unsere liebe Frau im Walde in Deutschnonsberg“, ein Wallfahrtsort mit kleiner Kirche auf 1.342 Meter über Null. In dem bildschönen Dörflein betreute bereits im Jahre 1194 ein Kloster die Reisenden über den Gampenpass. „Die Stille der Natur und die Freundlichkeit der Menschen verwöhnen ihre Seele“, mit diesem Slogan wirbt das kleine Bergdorf. Wer dort war weiß, dass das die Aussage stimmig ist.

Der Espresso ruft

Wir verlassen die Idylle abseits der Straße, werfen das Motorrad an und lassen den 110 PS ihren Lauf. Der Gampenpass ist schnell erreicht; der Passo delle Palade (1.518 Meter) verbindet das hinter uns liegende Nonstal mit dem vor uns liegenden Etschtal. Relativ unspektakulär dieser Gebirgspass mit einer komplett bewaldeten Scheitelhöhe und weiter geht’s – der Espresso ruft.

Die Straße hinab ins Tal fährt sich gut; auch hier treffen wir erfreulicherweise erneut auf Kurven und Kehren. Etwas Vorsicht sei geboten bei den Tunnels, die durchfahren werden: Bei Nässe kann´s rutschig werden auf dem steinigen Belag.

Eher unspektakulär: Der Gampenpass auf 1.518 Metern.
Eher unspektakulär: Der Gampenpass auf 1.518 Metern.

Am Kilometerschild 25 bekomme ich einen leichten Druck in die Hüften von meiner Frau; sie macht mich auf den öffnenden Blick ins Etschtal hinein aufmerksam. Tief weit unten ist Meran erkennbar; wir lassen die mächtige Leonburg rechts liegen und fahren bei zähflüssigem Verkehr durch die langgestreckte Ortschaft Lana, im südlichen Winkel des Meraner Talkessels.

Noch fünf bis sechs Kilometer dann ist unser Ziel erreicht: Vorbei an Obstplantagen und über die Etsch, der zweitlängste Fluss Italiens, dann sind wir unmittelbar in Meran angekommen. Hier locken die Schilder Jaufenpass und Timmelsjoch; aber wir sind ja wegen des Espressos in die Kurstadt Meran gefahren.

Die Methopole in Südtirol ist für ihr mildes, alpin-mediterranes Klima bekannt. Erneut befahren wir eine Via Roma, die uns direkt  ins Stadtzentrum führt und nach 68 Kilometer sind wir zwei froh, aus den Lederklamotten raus zu kommen; die Jacken jedenfalls.

Für Motorräder bzw. Zweiräder gibt es in unmittelbarer Nähe des Zentrums genügend Parkmöglichkeiten und so haben wir nur wenige Meter bis zur Promenade an der Passer und nehmen Platz im Freien in einem Eis-Cafe.

„due caffé espresso si prega“ und schon steht direkt das vor uns, weshalb wir vor knapp zwei Stunden losgefahren waren – zwei leckere Espresso.

Das Ziel ist erreicht – der Espresso steht vor mir.
Das Ziel ist erreicht – der Espresso steht vor mir.

Auch das knackige Hinterteil meiner Sozia ist froh, endlich mal mehr Raum und einen gemütlichen Platz zu bekommen; kein Wunder, bei dem bisschen Sitzbank. Folglich genießen wir hier in Meran den Schatten, die leichte Prise sowie Land und Leute.

Wildromantisch zurück

Die Rückfahrt zu unserem Feriendomizil ist zwar kürzer, aber dennoch eindrucksvoll und voller Fahrspaß. Zurück nach Lana, ein Stück Richtung Gampenpass hinauf und in dem Ort Naraun biegen wir links ab auf die SP10 Richtung Nals.

Was jetzt kommt ist fantastisch: Eine kleine hügelige Straße durch Obstplantagen, Weinberge und wildromantische Örtchen; vorbei an alten Burgresten und über Kehren hinab nach Nals, fast in der Mitte zwischen Meran und Bozen gelegen. Die zurückliegende kleine Tour, teilweise auf der sogenannten Weinstraße, hatte viel zu bieten: Neben dem leckeren Espresso und den herrlichen Kurven und Kehren, genoss gerade meine Mitfahrerin die unheimlich schönen und atemberaubenden Blicke.

Diese Tour genossen auch andere.
Diese Tour genossen auch andere.

Fürs Auge wird hier in Südtirol wirklich was geboten und wenn man sich wie wir, auch noch mal kurz zwischen Weinbergen und Obstplantagen verfährt, dann bekommt man sogar noch eine kostenlose, leichte Dusche aus der Bewässerungsanlage von oben. Ich vermute jedenfalls, dass es reines Wasser war und kein Glyphosat.

Ein Vormittags-Trip der besonderen Art und natürlich ist man bei Temperaturen von über 30 Grad Celsius in der Lederkombi ordentlich verschwitzt, umso mehr freuen wir zwei uns jetzt nach der Dusche auf den erfrischenden Naturbadeteich in unserem Hotel.

Diese Tour genossen auch andere.
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