Die Burnout-Spirale: Ohne Bremsen in den Abgrund

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von Katharina Bleuer

Am Anfang steht der Wunsch, eine Herausforderung erfolgreich zu bewältigen.

So wie bei Nadine P., der berufstätigen Mutter zweier Kinder. In ihrer Familie lief es nicht rund. Eines ihrer Kinder zeigte Verhaltensauffälligkeiten. Abklärungen und Sitzungen bei Lehrern und Psychologen jagten sich. Sie und ihr Mann machten sich Vorwürfe und beide hatten das Gefühl, in der Erziehung versagt zu haben. Streit und Gebrüll gehörten zum Alltag. Das schlechte Gewissen und die Frage, wie man es hätte besser machen können, waren immer mit dabei.

Als Nadine P. die Stelle wechselte, war das wie Urlaub von zuhause. Sie konnte ihre Kreativität wieder ausleben, selbstbestimmt arbeiten, hatte aber dank der Unterstützung durch ihre Vorgesetzten nicht die alleinige Verantwortung. Sie arbeitete in einem Team und ihre Leistungen wurden anerkannt. „Es war regelrecht berauschend für mich“, sagt sie im Rückblick.

Unlösbare Probleme und Frustration im einen Lebensbereich, Befriedigung und Euphorie im anderen, sind ganz typisch für Burnout-Situationen. Die Erwerbsarbeit wird zum Fluchtraum. Die Familie, die einem bei Konflikten tragen eigentlich sollte, wird vernachlässigt. Noch problematischer wird es, wenn wie bei Nadine P. die familiäre Situation die Ursache des Stresses ist. Denn so fehlte ihr ein Ort, an dem sie Kräfte tanken und sich erholen konnte.

Durch die Flucht in die Arbeit werden Familie und Freundeskreis vernachlässigt. Kommt auf der Arbeit etwas dazwischen, gilt es plötzlich, Rückstände aufzuholen. Man ist nicht mehr glücklich aber überspielt die Probleme. Versagensängste tauchen auf: „Ich hasste Urlaub, denn das bedeutete, ich musste jemandem meine Arbeit in Vertretung übergeben. Damit verbunden war immer die Angst, dieser Jemand könnte sie dann vielleicht genauso gut machen wie ich. Oder besser“, schrieb Nadine P.

Man baut Hobbys ab, um der drohenden Überlastung Herr zu werden. Gleichzeitig stellt man seine eigene Werte infrage und ehemals Wichtiges wird nebensächlich. Soziale Kontakte werden zur lästigen Pflicht. Man mag sich nicht mit den Problemen anderer Leute belasten.

Anne R., Mutter von Dreien, Filialleiterin einer Zeitarbeitsfirma und Ehefrau eines ständig abwesenden Mannes, der in der Familie keine Verantwortung übernahm, verbrachte ihre Zeit nur noch zwischen Kinderbetreuung, ihrer Arbeit und der Renovierung ihres Hauses. Sie hatte „kein Leben mehr, nur noch das Haus, die Kinder und mein Chef“, wie sie sagte.

Mit steigender Überlastung sinkt auch die Toleranz gegenüber anderen. Man wird als unangenehme Person wahrgenommen und Warnungen aus dem nahen Umfeld schlägt man aus dem Wind. „Beim kleinsten Vorfall explodierte ich, schnauzte die Kollegen an“, beschreibt Nadine P. diese Phase.

Auch innerhalb der Familie steigen die Spannungen. Man verhält sich den Kindern gegenüber gereizt, wird schnell laut oder ungerecht. Die Probleme verschärfen sich an allen Fronten.

Alle, außer einem selber, merken langsam, dass etwas nicht stimmt. Man fühlt sich wertlos, hat Angst zu versagen oder den Anschluss zu verpassen: „Nie schaltete ich das Diensthandy aus. Morgens drückte ich als erstes auf den On-Knopf des Laptops (wenn er überhaupt ausgeschaltet war nachts). Ich fürchtete einen Informationsverlust und so las ich mich bis nachts durch Artikel und Mails“, schreibt Nadine P.

Daneben versuchen pflichtbewusste Mütter, auch im familiären Bereich ihrer Verantwortung gerecht zu werden – und scheitern täglich.

Die innere Unruhe und das Gefühl der Leere und Nutzlosigkeit überspielt man mit noch mehr Arbeit und exzessivem Verhalten. Auch Dinge, die man eigentlich gerne machte, sind zur lästigen Pflicht geworden.

Fehler geschehen und die Arbeitsleistung sinkt. Man versucht, beides durch noch mehr Arbeit zu kompensieren. Man ist unkonzentriert und nicht bei der Sache. Bei Anne R. ging das so weit, dass sie vergaß, ihre Kinder für den Kinderhort anzumelden.

Von da an ist es nur noch eine Frage der Zeit. Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und Perspektivlosigkeit deuten auf eine nahende Depression. Bei manchen tauchen erste Gedanken an Suizid als möglichem Ausweg auf. Der mentale und körperliche Zusammenbruch ist nicht mehr weit.

Nadine P. beschreibt diese Endphase des Burnouts als „Zerbröseln“: „Selbst semikomplexe Anforderungen brachten mich an die Grenze meiner Belastbarkeit. In Konferenzen und Telefongesprächen konnte ich nicht mehr folgen und wenn ich etwas las, dann wusste ich bereits nach zehn Zeilen nicht mehr, was ich gerade gelesen hatte. Ich zerbröselte“.

Nachdem sie während einer Geschäftssitzung einen Nervenzusammenbruch hatte, verbrachte Nadine P. mehrere Monate in einer psychiatrischen Klinik, auf Kur und zwei Jahre in ambulanter psychiatrischer Betreuung. Langsam und mit Unterstützung von Fachleuten und ihrer Familie fand sie den Weg zurück in ein normales Leben. Sie gestaltete ihren Alltag neu und lernte, Prioritäten zu setzen. Heute brauche sie zum Glücklichsein keine Arbeit, die sie erfülle, sondern ein Leben, das sie erfüllt, sagt sie.

 

Wege aus dem Burnout

Solange jemand noch nicht im letzten Stadium der Burnout-Spirale ist, kann das Erlernen von Techniken zur Stressbewältigung und Achtsamkeitstraining bereits sehr viel helfen. Dabei lernt man, seine eigenen Grenzen zu erkennen und wenn sie erreicht sind, sich um sich selber zu kümmern.

Wenn es jedoch so weit gekommen ist, hilft nur der Gang zum Arzt oder Psychiater. Depressionen und ihre möglichen körperlichen Begleitsymptome (Migräne, Schlaflosigkeit, usw.) gehören in professionelle Hände. Man kann sie so wenig Jürgen-Fälchle---Fotolia.com © Jürgen-Fälchle—Fotolia.comselber behandeln, wie eine Blinddarmentzündung – und eben so wenig gehen sie von selber wieder weg.

Bei Anne R. versagte der Körper: Monatelang litt sie unter Migräneanfällen und schließlich fand sie sich nach einem schweren Bandscheibenvorfall für mehrere Monate im Rollstuhl wieder. Aber nicht nur ihr Rücken brauchte Heilung. Mit Hilfe von Ärzten und einer Psychotherapeutin lernte sie, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, den Rest rigoros zu delegieren und Verantwortung an ihren Mann abzugeben. In gemeinsamen Sitzungen mit der Therapeutin wurden die Aufgaben innerhalb der Familie neu verteilt.

Der Schritt zur Fachperson ist für Mütter besonders schwer und sie warten gemäß Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerkes, oft viel zu lange damit. Hauptsächlich die Frage, was aus den Kinder würde, hält sie davon ab, bestehende Hilfsangebote zu nutzen oder sich in Behandlung zu begeben.

Wenn die Symptome unter Kontrolle sind, muss mit den Betroffenen auch an den krank machenden Lebensumständen gearbeitet werden. Dazu müssen auch der Partner (sofern vorhanden) und die Familie mit einbezogen und die Familie neu organisiert werden. Zur Vermeidung von Rückfällen muss die Familie gestärkt und ihnen Ressourcen zur Stress- und Problembewältigung vermittelt werden.

 

Gesellschaftliche Ressourcen zur Verhinderung von Burnout bei Müttern und anderen Menschen in der Care-Arbeit

In Anbetracht der Tatsache, dass Burnout von Müttern ein gesellschaftlich relevantes Problem ist – eine von vier Müttern ist davon betroffen – , sind Politik und Verwaltung gefragt. Es fehlt an Infrastrukturen, qualitativ hochwertigen Betreuungsplätzen, guten Tagesschulen, usw. die es Eltern ermöglichen, ihre familiäre Verantwortung mit ihrer Erwerbstätigkeit mit weniger Aufwand und sorgenfreier vereinbaren zu können.

Zudem ist die Politik auch dort gefragt, wo es darum geht, Familien konkret zu entlasten. Gerade Familien mit kranken oder behinderten Familienmitgliedern benötigen tatkräftige Unterstützung und Finanzierungshilfen. Es muss mehr konkrete Hilfsangebote für Familien in Notsituationen geben, beispielsweise Notfall-Babysitter, die in schwierigen Situationen kurzfristig einspringen können.
Stress wird sich nie ganz vermeiden lassen. Die möglichen Reaktionen sind die gleichen geblieben, wie zur Zeit unserer Cro-Magnon-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Grossmütter: Kämpfen oder Flüchten.
Flüchten: Aus der krank machenden Lebensumständen heraus. Arbeit kündigen. Ehe scheiden,…. Oder aber kämpfen, die krank machende Situation bereinigen, sie so zurechtbiegen, dass wir trotz widriger Umstände unsere Integrität wahren können.

Für beides braucht es tatkräftige Unterstützung innerhalb und außerhalb der Familien, ein solides soziales Netz, das die Familien trägt, sowie ein familienfreundliches gesellschaftliches und politisches Umfeld.

Lesen Sie mehr zu dem Thema hier.

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