Wenn Ihr Baby nicht schlafen kann

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Von Katharina Bleuer

Für Eltern schlecht schlafender Säuglinge hilft meistens kein Buch und kein Ratgeber, sondern vor allem: Gelassenheit, Unterstützung und Ermutigung, einen Weg zum Schlaf zu finden, der den Bedürfnissen aller Familienmitglieder gerecht wird.

Es ist normal, dass Säuglinge bis etwa ein Jahr nicht alleine ein- und durchschlafen. Für ihre Eltern kann das streckenweise aber ganz schön anstrengend werden. Vor allem dann, wenn man den Eindruck hat, alle anderen Babys hätten schon am Tag nach der Geburt 30 Stunden pro Nacht am Stück durchgeschlafen, nur das eigene nicht.

Bleiben Sie gelassen: Auch andere Eltern kochen nur mit Wasser und das „Durchschlafen“ erweist sich bei näherem Hinhören dann als „Durchschlafen“ mit Anführungs- und Schlusszeichen, da es von 3 Stillstops und 15 Mal den Schnuller wieder in den Mund stopfen unterbrochen wurde.

Der gesellschaftliche Druck und die Erwartungshaltung in Bezug auf das Schlafverhalten sind zurzeit extrem hoch. Da reicht es auch nicht mehr aus, wenn das Baby Abend für Abend an der Mutterbrust oder auf Papas Bauch friedlich eindöst. Nein, ab einem willkürlich festgelegten Alter soll es das alleine schaffen. Wenn Schlafprobleme auftreten, stellen Eltern oft fest, dass sie die Erwartungen von Kinderarzt, Hebamme, oder anderen „Experten“ über die Bedürfnisse des Babys gestellt, und dadurch am Kind vorbei erzogen haben.

 

Schlafen ist normal – nicht schlafen aber auch

Die Spannbreite der Normalität ist bei Säuglingen besonders groß: „Gewisse Säuglinge haben einen starken inneren Drang zur Regelmässigkeit. Sie entwickeln die zirkadianen Rhythmen gewissermassen von alleine. […] Andere Kinder melden ihre Hunger- und Schlafbedürfnisse über Monate zu immer anderen Tages- und Nachtzeiten an.“ (Remo Largo, „Babyjahre“, Piper Verlag München, 4. Auflage 2009, Seite 203).

Bleiben Sie gelassen. Vergessen Sie alle Ratschläge von „Experten“, die behaupten, jedes Baby müsse ab Alter X oder Y genau so und so viel schlafen. Normal ist während des ersten Lebensjahres eine Gesamtschlafzeit von 12 oder 20 Stunden – und alles dazwischen. Babys sind Individuen, ihr Schlafbedarf weicht auch innerhalb derselben Familie teilweise weit voneinander ab.

 

Weshalb weinen Babys?

Säuglinge kennen ihre Bedürfnisse und melden sie – sofern sie noch nicht sprechen können – durch Weinen an. Kein Baby weint grundlos. Deshalb mein Rat: Lernen Sie ihr Baby kennen! Es ist nicht „ein Baby“, schon gar nicht „jedes Baby“, sondern es ist diese kleine Person, die seit Kurzem mit Ihnen zusammen lebt. Ihr wundervolles, einzigartiges Kind!

Je besser Sie Ihr Baby kennen, desto eher können Sie verstehen, was es Ihnen mit seinem Weinen mitteilt. Ist es müde, hungrig, braucht es eine frische Windel, ist ihm langweilig, benötigt es Trost oder Ihre Nähe? Je schneller Sie sein Bedürfnis erkennen und befriedigen, desto weniger muss es weinen. Und Sie wissen ja selbst, wie das ist: Wenn man nicht verstanden wird, wird man wütend und wer wütend ist, kann erst recht nicht mehr einschlafen! Ihrem Baby geht es da nicht anders.

Vergessen Sie also die Tipps, die von Eltern verlangen, ihr Baby „kontrolliert“ schreien zu lassen, damit es schlafen lerne. Das Baby regt sich dabei nur auf, Sie ebenfalls – und lernt niemand etwas.

 

Was tun, um dem Baby beim Schlafen zu helfen?

Was also können Sie konkret tun, wenn Ihr Baby schlecht schläft und Sie selbst langsam aber sicher auf dem Zahnfleisch gehen? Der erste Gang führt immer zum Kinderarzt um abzuklären, ob keine gesundheitlichen Probleme das Baby vom Schlafen abhalten. Nachdem körperliche Ursachen der Schlaflosigkeit und des Weinens ausgeschlossen wurden,  können Sie zwei oder drei Wochen lang ein Schlafprotokoll führen, um den ungefähren Schlafbedarf und -rhythmus Ihres Babys zu kennen. Oft hat das Baby nämlich einen Rhythmus – nur ist er nicht mit unserem eigenen kompatibel.

Versuchen Sie, wann immer möglich, Ihre Tagesplanung dem Rhythmus des Babys anzupassen, bevor Sie ganz sanft versuchen, diesen in die gewünschte Richtung zu ändern. So oder so: Gestalten Sie Ihren Tagesablauf so regelmässig wie es geht. Dazu viel Bewegung an der frischen Luft, viel Körperkontakt, eine tendenziell reiz arme Umgebung (im Zweifelsfall lieber im Wald als im Einkaufszentrum spazieren gehen!), Tagesschläfchen bei Tageslicht, keine Computer, Handys oder sonstige Bildschirme im selben Raum. Das sind die Umweltfaktoren, die am leichtesten verändert werden können und oft schon viel bringen. Achten sie auch darauf, dass der Schlafraum gut ausgelüftet und nie wärmer als ca. 18°C warm ist.

 

Alles ausprobiert, aber Ihr Baby schläft immer noch nicht?

Überprüfen Sie in diesem Fall nochmal Ihre Erwartungen und Ansprüche: Entspricht das, was Sie von Ihrem Baby erwarten, tatsächlich seinem aktuellen, individuellen Entwicklungsstand?

Und die Bonusfrage: Entspricht das, was Sie von Ihrem Baby erwarten, überhaupt seinem Charakter? Säuglinge sind Menschen, keine Maschinen, deshalb gibt es auch nicht den einen ultimativen Trick, der für alle funktioniert.

Also: Unter welchen Bedingungen entspannt sich Ihr Baby am besten? Finden Sie es heraus!

 

Erlaubt ist jede Einschlafhilfe, die funktioniert

Sehr viele Babys fühlen sich im Körperkontakt mit einem vertrauten Erwachsenen, Mama oder Papa, auf dem Arm oder an der Brust, und etwas nuckelnd geborgen und können so am Besten abschalten. Auch Bewegung und vertraute Geräusche können hilfreich sein. Andere jedoch benötigen Dunkelheit und Ruhe. Was für Ihr Kind zutrifft, sollten Sie selbst herausfinden. Erlaubt ist, was funktioniert ohne dass ein Familienmitglied weinen muss. Egal, was Großmütter, Nachbarinnen oder wohlmeinende Freundinnen dazu sagen: Rammstein, Dampfabzug, Staubsauger, Oberkrainer Blechmusik – alles ist erlaubt und ihr Kind und Sie werden weniger Schaden davon tragen, als wenn sie Dinge von ihm fordern, die es zum jetzigen Zeitpunkt einfach noch nicht erfüllen kann.

Eine Einschränkung gibt es bei den Einschlafhilfen: Es sollte etwas sein, das im Haus oder der Wohnung stattfinden kann. Sie möchten ja nicht das nächste halbe Jahr damit verbringen, allabendlich das Baby mit dem Auto durch die Gegend zu kutschieren.

 

Auch schnelle Lösungen brauchen Zeit

Wenn Sie etwas an der Schlafumgebung oder den Einschlafroutinen verändern, geben Sie sich und Ihrem Kind zehn bis vierzehn Tage Zeit, um sich daran zu gewöhnen. So lange benötigt ein Mensch, um sich an eine neue Schlafsituation anzupassen und dieselbe Schlafqualität zu erreichen, wie vor der Veränderung.

Es kann passieren, dass eine Einschlafhilfe für ein paar Wochen funktioniert und dann von einem Tag auf den anderen nicht mehr. Dann hat sich ihr Kind weiter entwickelt und/oder seine Bedürfnisse haben sich verändert. Beobachten Sie es: Vielleicht reicht es ja von jetzt an, wenn sie neben seinem Bettchen sitzen und ihm die Hand halten? Das Kind wird langsam immer weniger Hilfe benötigen. Darauf können Sie vertrauen!

 

Eltern brauchen auch Schlaf!

So viel wurde über die Bedürfnisse des Babys geschrieben. Alles gut und recht, aber was ist mit den elterlichen Bedürfnissen nach sechs oder acht Stunden ungestörtem Schlaf am Stück?

Kaum ein Mensch schläft die ganze Nacht durch, die meisten erwachen ganz kurz, checken die Umgebung und schlafen gleich wieder ein, ohne bewusst wach geworden zu sein. Das tun Babys ebenfalls, nur geht bei den meisten die Sirene los, wenn sie beim Umgebungscheck feststellen, dass sie allein im Raum sind. Das wiederum unterbricht den Nachtschlaf der Eltern mit dem Resultat, dass die schon nach wenigen Wochen wie Zombies durch die Gegend laufen.

Jetzt kommt der Schlafort ins Spiel. Eine gängige Lehrmeinung behauptet, Babys würden im eigenen Bett im eigenen Zimmer am besten schlafen. Leider wissen das viele Babys nicht und schreien jedes Mal los, wenn sie in der Nacht erwachen und alleine sind. Ihre geplagten Eltern müssen dann ebenfalls erwachen, Licht anzünden, aufstehen, ins Kinderzimmer tapsen, das Baby beruhigen – und sind, wenn es wieder eingeschlafen ist, selber zwar todmüde aber trotzdem hellwach. Derart unterbrochene Nächte machen einen auf Dauer fix und fertig!

Also geht es für Eltern auch darum, ihre eigenen Wachzeiten möglichst kurz zu halten. Dafür sollten Sie einen Weg finden, Ihr Baby möglichst im Halbschlaf beruhigen können. Versuchen Sie eine Matratze im Kinderzimmer oder das Kinderbett im Schlafzimmer, oder welche Konstellation auch immer Ihren Bedürfnissen entgegen kommt! Geben Sie Sich auch hier die nötigen zwei Wochen Zeit, um herauszufinden ob Neues funktioniert.

 

Notfallplan für schlaflose Eltern

Wenn Sie schon so verzweifelt sind, dass langsame Veränderungen nicht mehr möglich sind, suchen Sie sich Entlastung in der Nachbarschaft, Familie oder bei der Mütterhilfe Ihres Landkreises. Vielleicht eine hilfsbereite „Leihoma“ aus dem Viertel, die nachmittags eine Stunde den Kinderwagen schiebt, während Sie sich hinlegen, oder eine „Notmutter“, die im Haushalt mithilft. Wenn niemand zur Hand ist, wechseln sie sich mit ihrem Partner zum Schlafen ab: Wer am nächsten Tag arbeiten gehen muss, schläft im Elternschlafzimmer, der andere im Kinderzimmer. Am Wochenende übernimmt der andere. Als Alleinerziehende versuchen Sie, sich mit anderen Alleinerziehenden oder Familienmitgliedern zu organisieren, um zu mehr Schlaf zu kommen. Bis die Erschöpfung nachlässt, muss Ihr Schlaf oberste Priorität haben. Vergessen Sie den Haushalt, Freundinnen (außer, die bieten Unterstützung an), ja sogar das Paarleben. Schlafen Sie wann immer und wo immer Sie können. Keine Sorge – diese Phase dauert nur wenige Monate, sie werden nicht für Jahre sozial isoliert bleiben.

 

Und wie wird das Kind all diese „schlechten Angewohnheiten“ wieder los?

Auf die gleiche Weise, wie es andere „schlechte Angewohnheiten“ des Gefüttert-werdens, Getragen-werdens und Gewickelt-werdens los wird: Vertrauen Sie auf die natürliche Entwicklung ihres Kindes! Es wird je länger desto selbständiger werden, und eines Tages wird es stolz sein eigenes Bett im eigenen Zimmer beziehen und fortan alleine schlafen wollen.

Dieser Tag kommt so sicher wie das Amen in der Kirche und wenn er kommt, werden Sie Ihr Kind mit Stolz, aber auch ein Bisschen Wehmut aus dem Elternschlafzimmer ausziehen lassen und sich fragen, wann es so gross geworden ist.

 

Zum weiter Lesen:

Nora Imlau, „Das Geheimnis zufriedener Babys – Liebevolle Lösungen, damit Ihr Baby ruhiger schläft und weniger weint“, GU Verlag München, 2013

Elizabeth Pantley, „Schlafen statt schreien – Das liebevolle Einschlafbuch“

Remo Largo, „Babyjahre – Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren“, Piper Verlag München, 4. überarbeitete Auflage 2009.

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