Akzeptanz oder Toleranz? Der neue Sexualkunde-Lehrplan

Die sexuelle Vielfalt, die in der heutigen Gesellschaft herrscht, wurde auch in den neuen Lehrplan für Sexualkunde an hessischen Schulen integriert. Ob hetero-, bi-, trans- oder intersexuell, schwul oder lesbisch: Den Kindern und Jugendlichen sollen die unterschiedlichen „Modelle” vorgestellt werden.Foto: Göbel (Tim Reckmann/Pixelio)
Die sexuelle Vielfalt, die in der heutigen Gesellschaft herrscht, wurde auch in den neuen Lehrplan für Sexualkunde an hessischen Schulen integriert. Ob hetero-, bi-, trans- oder intersexuell, schwul oder lesbisch: Den Kindern und Jugendlichen sollen die unterschiedlichen „Modelle” vorgestellt werden. Foto: Göbel (Tim Reckmann/Pixelio)

Hessen. Derzeit spaltet ein Passus im Lehrplan für allgemeinbildende und berufliche Schulen in Hessen die Gemüter. Dieser ist vom Hessischen Kultusministerium unter Minister Alexander Lorz (CDU) eingeführt worden.
„Neben sexualpädagogischen Erkenntnissen gibt es eine Reihe sozialer Entwicklungen, die die gesellschaftliche Lebensrealität beeinflussen und Akzente im Themenfeld Sexualität setzen”, heißt es darin. Doch manche reiben sich daran, dass dort ebenfalls „Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen (LSBTI)” als eine Aufgabe und Ziel der Sexualerziehung genannt wird. Zudem heißt es unter anderem: „Auf dieser Basis erwachsen für die schulische Sexualerziehung Aufgaben hinsichtlich der Aufklärung und Information über Coming Out und die Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten”.

Demo und Gegendemo

Vergangenen Sonntag hatten sich rund 1.900 Menschen in Wiesbaden zu einer Demonstration versammelt, zu der das Aktionsbündnis „Demo für Alle“ aufgerufen hatte. Ziel der Demonstranten war es, die genannten Passagen des Lehrplanes vom Kultusministerium Hessen zurückzunehmen. „Indoktrinierende Sexualerziehung in Hessens Schulen sofort stoppen!” war beispielsweise auf den Transparenten zu lesen. Wie die Vorsitzende des Vereins „Ehe-Familie-Leben”, Hedwig Freifrau von Beverfoerde, sagte, ginge es bei dem Protest um den „Schutz von Ehe und Familie”.

„Katholische Familien aus unserer Region, die sich aufgrund ihrer Gewissensentscheidung zur Teilnahme an der Demo für alle in Wiesbaden entschlossen hatten, haben Bischof Algermissen um ein Wort der Ermutigung gebeten, dass er ihnen am Donnerstag übermittelt hat. Darin betont er, dass diese katholischen Frauen und Männer sich dafür einsetzen, dass unsere Gesellschaft christlich geprägt bleibt und die Sexualerziehung der Kinder verantwortlich gestaltet werden muss. Der Ministererlass hatte das Votum des Landeselternbeirats und der katholischen Bischöfe in Hessen ignoriert”, antwortete Bistumssprecher Christopf Ohnesorge auf Anfrage von „Fulda aktuell”.

Ein Zug von rund 1.500 anderen Demonstranten hatte sich ebenfalls in der Landeshauptstadt eingefunden. Etwa einhundert Organisationen hatten zu der Gegendemo aufgerufen. „Bildung macht schlau, nicht schwul” und ähnliches verkündeten die Demonstranten auf ihren Plakaten, die vom „Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt“ zusammengerufen worden waren.

Kritik zurückgewiesen

Kultusminister Lorz wies bereits vor der Demonstration die aufgekommene Kritik zurück. Der Lehrplan enthalte „keineswegs ertwas fundamental Neues”, teilte er mit. Nicht ganz so streng sieht es der Landeselternbeirat: Statt „Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen” hätte dieser lieber „Toleranz gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen” im Lehrplan gesehen. Dennoch hatte der Landeselternbeirat seine Zustimmung zum Lehrplan verweigert. Die schwarz-grüne Landesregierung verteidigte den neuen Lehrplan, denn Patchworkfamilien und gleichgeschlechtliche Partnerschaften seien sowohl gesellschaftliche Realität als auch vom Staat rechtlich anerkannt.

„Sensibler Umgang”

Doch wie sieht die Realität aus? Was sollte Kindern im Grundschulalter nahegebracht werden, was nicht? „Der Lehrplan ist per Ministerentscheid eingeführt worden. Das heißt, dass jegliche Widerstände und die Bereitschaft zur Diskussion von Seiten der katholischen Kirche und dem Landeselternbeirat einfach ignoriert wurden. Selbst die Beteiligung des Hauptpersonalrates der Lehrerinnen und Lehrer hat nicht stattgefunden”, sagt Thomas Neumann, Rektor der Grundschule im Fuldaer Stadtteil Lehnerz.

Die Schulen würden mit diesem Thema „sehr sensibel” umgehen, was „nicht verwunderlich” sei, fügte er hinzu. „Es ist auch äußerst fraglich, ob zehnjährige Kinder sich schon mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen beschäftigen müssen”, zweifelt Neumann. „Da die Schulen selbst Konzepte entwerfen sollen, wie sie die im Plan vorgegebenen Inhalte umsetzen und vermitteln wollen, wird der Lehrplan in den Fachschaften und Konferenzen der Schulen erst einmal diskutiert werden, bevor ein schuleigenes Curriculum entsteht”, erläutert der Lehnerzer Schulleiter.

„Die Entwicklung der ganz persönlichen Einstellung zur Sexualität gehört in erster Linie in die Familie. Die Auswirkungen von Sexualität auf die Gesellschaft und die Vermittlung der wissenschaftlich fundierten Sexualkunde umfasst den Auftrag der schulischen Bildung”, heißt es in der Einleitung des „Lehrplanes zur Sexualerziehung an den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Hessen”. Es sei also notwendig, „Sexualerziehung in einem sinnvollen Zusammenwirken von Schule und Elternhaus zu leisten”. Zudem heißt es, dass die Sexualerziehung für alle Schüler verbindlich und nicht an die Zustimmung der Eltern gebunden sei. „Die verpflichtende Teilnahme am Unterricht gilt ebenfalls für ältere Schüler und ist nicht an deren Zustimmung gebunden. Die Themen und Inhalte der Sexualerziehung werden nicht mit benoteten Klassenarbeiten überprüft”, heißt es im Lehrplan.

Jetzt liegt es bei den Schulen, wie sie das Thema Sexualkunde umsetzen und wie sie die im Lehrplan verbindlichen Inhalte unterrichten werden.

Auf www.kultusministerium.hessen.de sowie HIER gibt es den kompletten „Lehrplan zur Sexualerziehung” als PDF zum Download.

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Sexualpädagoge Torsten Wiegand: „Wir fordern die Akzeptanz!”

Fulda. Torsten Wiegand ist Sexualpädagoge, unter anderem bei „pro familia” in Fulda und beim „VdK”. „Fulda aktuell” sprach mit ihm über die Fragestellungen „Wie stehen Sie als Sexualpädagoge zu diesem Thema und der Thematisierung im Schulunterricht?

Torsten Wiegand ist Sexualberater bei "pro familia Fulda".
Torsten Wiegand ist Sexualberater bei „pro familia Fulda“.

„Ich stehe auf der ,Pro’-Seite bezüglich des Lehrplans, da jeder Mensch Recht auf altersgemäße Information und Aufklärung über Körper, Sexualität, Partnerschaft und Schwangerschaft hat”, sagt Wiegand. „Mit Blick darauf sprechen wir von sexueller Bildung. Mit diesem Begriff machen wir deutlich, dass es sich um ein lebensbegleitendes Thema handelt, das in Bildungs- und Erziehungsprozessen seinen Platz finden sollte. In diesem Sinne will Sexualpädagogik vermeiden, dass Sexualität als Thema ausgeklammert oder ,auf später’ verschoben wird. Gerade weil in dieser Über- und zum Teil Falschinformiertheit vieles an der Oberfläche bleibt oder ganz untergeht.”

Über das zum großen Teil medial vermittelte Bild von Sexualität werden laut Wiegand Kindern und Jugendlichen Verhaltens- und Lebensmodelle vorgeführt, die oft mit der eigenen Realität kaum etwas zu tun haben oder eher verunsichern, als Fragen zu beantworten. „Was den Kindern und Jugendlichen häufig fehlt, ist die Möglichkeit, das Gesehene und Gehörte zu überprüfen und in die eigene Lebenswelt einzuordnen. An dieser Stelle setzt unsere Arbeit der Sexualpädagogik an”, erläutert der Se­xualpäda­goge.

„Wir fordern ganz klar die Akzeptanz sexueller Vielfalt! Wir betrachten die Hetero-, Homo-Bi- Inter- und Transsexualität als gleichwertige Formen, Sexualität zu empfinden und zu leben. Wir wenden uns dezidiert gegen die Ausgrenzung und Beschämung”, bekräftigt Wiegand.

„In einer Gesellschaft, die Inklusion zu einer ihrer grundlegenden Aufgaben erklärt hat und die sich für Menschenrechte und gegen Diskriminierung einsetzt, solle der Respekt gegen über der sexuellen Orientierung und Identität jedes und jeder Einzelnen eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein”, sagt er. Tatsächlich herrschten aber weiterhin heterosexuelle Leitbilder vor, wodurch beispielsweise homo-, bi-, trans- oder intersexuelle Menschen an den Rand gedrängt würden. „Der neue Lehrplan ist ein Anfang, um dies grundlegend zu ändern”, sagt Wiegand.

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ZWISCHENRUF: Auf dem Weg zu einer bunten Gesellschaft

Was soll der Aufstand? Seien wir doch mal ehrlich: Was unsere Kinder im Reality-TV vorgesetzt bekommen, auf „Youtube” anschauen oder im Internet finden, ist viel mehr als das, was im neuen „Lehrplan zur Sexualerziehung” steht.

Zwischenruf von Christopher GöbelIn unserer aufgeklärten Gesellschaft ist es nunmal so, dass Ehe und Familie zwar einen hohen Stellenwert genießen, sich aber doch immer mehr andere Lebensgemeinschaften bilden. Ob Singles, Alleinerziehende, offene Partnerschaften, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Trans- oder Intersexualität – das alles sind Teile unserer Gesellschaft. Und es ist vielleicht heute noch nicht Normalität, aber die Menschheit entwickelt sich immer weiter.

So lange „Schwuler” oder „Transe” Schimpfwörter sind, gibt es definitiv keine Gleichberechtigung unterschiedlicher sexueller Orientierungen. Natürlich kann man trefflich darüber streiten, ob „Toleranz” an Stelle von „Akzeptanz” hätte geschrieben werden sollen. Denn da gibt es doch einen großen Unterschied. Man kann Homosexualität tolerieren, muss sie deswegen aber noch lange nicht akzeptieren. Aber wenn man etwas akzeptiert, dann toleriert man es automatisch.

Aber unseren Kindern zu erklären, was es heißt, wenn sich zwei Frauen oder zwei Männer lieben, sich ein als Mann geborener Mensch zur Frau umoperieren lassen möchte (oder umgekehrt) oder dass es Menschen gibt, die genetisch weder komplett Mann noch komplett Frau sind, halte ich für angebracht. Ich als Papa einer zehnjährigen Tochter bemühe mich, sie allen Richtungen gegenüber offen zu erziehen. Wenn ich ihr erzähle, dass es Frauen gibt, die andere Frauen lieben, dann heißt das noch lange nicht, dass sie irgendwann homosexuell sein wird. Und falls doch, dann ist das eben so. Deshalb würde ich sie nicht weniger lieben.

Die Schule hat den Auftrag, ein möglichst breites Wissensspektrum zu vermitteln. Ich benötige in meinem Berufsleben Algebra, Stochastik und das Periodensystem der Elemente sehr selten – und dennoch musste ich mich während meiner Schulzeit intensiv damit befassen. Warum sollten unsere Kinder nicht auch vieles (kennen-)lernen dürfen, was sie später tolerieren oder akzeptieren (können)? Viel wichtiger als die Diskussion um die verschiedenen Formen der Sexualität sind ganz andere Dinge im Lehrplan: Die Auseinandersetzung mit den Themen Prävention des sexuellen Missbrauchs, Verhütung und Pubertät ist unseren Kindern viel näher und greifbarer als das andere.

Ganz ehrlich: Ich möchte keine Lehrkraft sein, die mit vor- und pubertären Kindern und Jugendlichen solche Themen besprechen muss. Und da sind die Lehrer auf unsere Hilfe als Eltern angewiesen. Wenn wir unseren Kindern erklären, worum es geht, werden die Berührungsängste in der Schule mit Sicherheit kleiner sein.

Ich finde es sehr wichtig, dass das, was ich manchmal auf dem Grundschulhof hören muss, aus den Köpfen der Kinder verschwindet: „Ey, bist du schwul oder was?” darf kein Schimpfwort mehr sein. Genauso wenig wie „Bist du behindert?”.

Heterosexualität ist heute nicht die einzige Lebensweise. Wir sollten froh sein, dass wir in einem Land leben, wo – wie Friedrich der Große einst sagte – jeder nach seiner Façon glücklich werden darf. Wo Homosexualität kein Verbrechen ist. Wenn es dann irgendwann „Normalität” ist, ein lesbisches oder schwules Pärchen turtelnd im Stadtpark anzutreffen und die Gleichberechtigung aller Lebenswirklichkeiten (abgesehen natürlich von Pädophilie!) von uns allen akzeptiert oder zumindest toleriert wird, dann können wir wirklich behaupten, in einer bunten Gesellschaft zu leben. Ich hoffe, dass ich das noch erleben werde.

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    1. Der neue hessische Lehrplan für Sexualerziehung ist darauf gerichtet, Schüler zur Akzeptanz sexueller Vielfalt zu erziehen, also dazu, jede (legale) Form menschlichen Sexualverhaltens gutzuheißen und zu befürwotten, statt nur zu tolerieren.
      Staatliche Sexualerziehung, die ein solches Ziel verfolgt, ist jedoch verfassungswidrig, da sie gegen das vom Bundesverfassungsgericht bereits 1977 in seinem Urteil zur Sexualerziehung festgeschriebene Indoktrinationsverbot verstößt. Dieses besagt, dass es (staatlichen ) Schulen verboten ist, Schüler dazu zu erziehen, ein bestimmtes Sexualverhalten zu befürworten oder abzulehnen (vgl.: BVerGE 47, 46). Diese verfassungsrechtliche Rechtslage gilt auch heute noch, wie ein aktuelles Rechtsgutachten des Hamburger Staatsrechtlers Prof. Dr. Christian Winterhoff zur Sexualerziehung in Schleswig-Holstein belegt, das am 05.09. im Internet veröffentlicht wurde. Obwohl Kultusminister Lorz, der selbst Professor für öffentliches Recht ist, genau weiß, dass sein neuer Lehrplan die Lehrer zu verfassungswidrigem Unterricht verpflichtet, gibt er sich in der Sache unwissend: anstatt sich mit den Ergebnissen des Rechtsgutachtens auseinanderzusetzen und sie zu widerlegen, schweigt er bewusst zu dem ihm seit 26.09. vorliegenden Gutachten – genau wie alle anderen, die sich für den Begriff „Akzeptanz“ im neuen hessischen Lehrplan stark machen. Das ist der eigentliche Skandal, wie ich finde.

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