Briten-Brexit-Boom in der Barockstadt Fulda

Fulda. Fangen wir diesen Artikel mit einem (gleichermaßen nett wie ernstgemeinten) Zitat von „Asterix“ und „Obelix“ an: „Die spinnen, die Briten.“ Der „Brexit“ ist, nach einigem Rummgeeiere vor allem auf der Insel, beschlossene Sache. Bis März kommenden Jahres wollen die Briten nun endgültig aus der EU ausgetreten sein – mit allen politischen, gesellschaftlichen und vor allem wirtschaftlichen Folgen – wenngleich die maßgeblichen Protagonisten in diesem Zusammenhang von einer künftigen Erfolgsgeschichte für Groß-Britannien sprechen beziehungsweise eine solche ihren Bürgern versprechen.

Doch nicht alle Briten scheinen davon überzeugt zu sein – immerhin haben ja knapp 50 Prozent beim Referendum im Frühjahr gegen den Austritt aus der Europäischen Union  gestimmt. Die Skepsis über diesen Schritt scheint jedoch unterdessen bei einer Mehrheit zu überwiegen. Denn im Vergleich zu den vergangenen Wochen und Monaten, vor allem aber Jahren, ist zuletzt die Zahl der Einbürgerungsanträge in Deutschland und Hessen signifikant gestiegen  – und auch für Fulda kann man mit „aussagekräftigen Zahlen“ belegen, dass immer mehr Engländer, Schotten, Waliser und Nordiren Deutsche(r) werden wollen. Gab es 2010 und 2011 in der Barockstadt null (0) sogenannte „Einbürgerungsbewerber“, 2012/13/14 nur jeweils eine(n), im vergangenen Jahr wieder 0, so sind es bis dato in 2016 schon acht (!) Einbürgerungsanträge, wie Johannes Heller von der Magistratspressestelle auf Anfrage von „Fulda aktuell“ informiert.

Die stellvertretende Vorsitzende des Fuldaer Ausländerbeirats, Vivienne Naumann-Krahulec (mit ihrer Tochter Lesley und dem vier Monate alten Enkel Louis Henry), besitzt zwei Pässe, den deutschen und britischen – wobei letzterer schon länger abgelaufen und bis dato von englischer Verwaltungsseite noch nicht verlängert wurde. Foto: privat
Die stellvertretende Vorsitzende des Fuldaer Ausländerbeirats, Vivienne Naumann-Krahulec (mit ihrer Tochter Lesley und dem vier Monate alten Enkel Louis Henry), besitzt zwei Pässe, den deutschen und britischen – wobei letzterer schon länger abgelaufen und bis dato von englischer Verwaltungsseite noch nicht verlängert wurde.                                                                        Privatfoto

Wer könnte die Zahlen und die Stimmungen ihrer Landsleute besser analysieren als die gebürtige Engländerin Vivienne Naumann-Krahulec. Die stellvertretende Vorsitzende des Fuldaer Ausländerbeirats kam 1964 „der Liebe wegen“ nach Deutschland, zunächst in die Wetterau. Nach dem Tod ihres ersten Mannes baute sich die Finanzbeamtin mit ihrem zweiten Ehemann ab 1979 eine neue Existenz und Familie in Fulda auf. Vivienne hat den deutschen und britischen Pass. Letzteren hat sie allerdings seit damals nicht mehr verlängern lassen. „Warum auch? Ich sah, seit es die EU gibt, diesbezüglich keine Notwendigkeit mehr.“ Da sie jedoch eine kleine Rente in England bezieht und auch angesichts der wachsenden rechtlichen Unsicherheit nach dem Brexit hat sie in ihrer Heimatstadt Manchester um eine „computertechnische Erfassung und Passport-Prolongation“ für sich und ihre Tochter gebeten. Auch die besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft. Bisher war das Ansinnen jedoch erfolglos. Die Briten haben nicht reagiert ­– und am 12. Oktober lief eigentlich meine Verlängerungsfrist ab.
Unsicherheit und Ungewissheit also allerorten – und das in erster Linie bei den Briten selbst. „Ich glaube nicht, dass Engländer, Schotten und Waliser demnächst nach dem Brexit und in der nahen Zukunft ohne Probleme nach Deutschland, Frankreich oder Italien reisen, dort wohnen, arbeiten oder sich fest niederlassen können. Deshalb greifen viele Briten jetzt sozusagen nach dem letzten Strohhalm, um EU-Bürger mit all den vielen Vorteilen zu bleiben oder sich in einem der genannten Länder neu einbürgern zu lassen“, sagt Naumann.

Ihre (früheren) Landsleute erkennt sie in manchen Dingen nicht wirklich wieder. „Da hat sich vieles verändert und in der gesellschaftlichen Diskussion vor allem gegenüber Ausländern und Fremdarbeitskräften aus dem europäischen Ausland, vor allem Polen, ist auch Hass zu spüren. Ein Phänomen, das ich nicht verstehen kann, ein Zeitgeist, den ich nicht tolerieren will.  Da werden niedere Instinkte  angesprochen und Menschen manipuliert und instrumentalisiert. Das hat viel mit  Chauvinismus, Angst und Neid zu tun“, bedauert Naumann.

Alles Gründe, warum viele aufgeklärte und weltoffene Briten ihre Heimat verlassen und Deutsche (und Fuldaer) werden wollten. Zwar sei aufgrund der Einzelfälle keine Einbürgerungswelle für die die Bischofsstadt zu erwarten und diese auch künftig nicht sehr „euopäisch-lastig“ geprägt, weil Franzosen, Italiener oder eben Briten  nicht wie andere Einbürgerungswillige im Familienverbund kämen. Aber angesichts des Brexits dürfte dennoch mit einem weiteren kleinen Briten-Boom auch in der Barockstadt zu rechnen sein.Vivienne augenzwinkernd: „Die Engländer sind und fühlen sich überall zu Hause.“

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