Die Weihnachtsgeschichte: Ein ganz besonderes Weihnachtswunder

DAS GANZ BESONDERE WEIHNACHTSWUNDER

Geschichte: CHRISTOPHER D. GÖBEL
Illustrationen: PATRICK ROMANOWSKI

 

13_zimtsternAmira konnte nicht schlafen. Es war schon nach Mitternacht und sie fand einfach keine Ruhe. Zuviel ging ihr durch den Kopf. Es war die Nacht vor Heiligabend. Dabei wusste sie gar nicht genau, was es mit diesem „Heiligen Abend“, von dem alle um sie herum seit Wochen redeten, auf sich hatte.

Sie hatte viele aus ihrer Wohngruppe gefragt, aber die anderen sahen sie nur verständnislos an. „Du weißt nicht, wer Jesus ist?“, fragte Kira. „Da gibt es Geschenke“, meinte Sophie. Und Ben guckte sie nur komisch an und sagte: „Jedes Kind weiß doch, warum wir Weihnachten feiern!“

Im Fernsehen liefen seit Wochen Filme mit dem dicken roten Mann, der mit seinem weißen Bart ganz anders aussah, als die Menschen in ihrer alten Heimat. Dort gab es auch alte Männer, aber die waren nicht dick. Sie hatten auch Bärte, aber ganz dünne und nicht mit diesen weißen Locken.

02Vor vielen Monaten war Amira mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder Zeki auf einem Boot nach Europa gekommen. Viele Menschen waren auf diesem Boot, das nach einer langen Reise in einem fremdem Land am Mittelmeer anlegte. Zu Fuß ging es weiter. Die Eltern wollten nach Deutschland. Dort sei es gut, dort würden sie nicht bombardiert werden und müssten nicht mehr um ihr Leben fürchten. Wenn Amira daran dachte, was sie in Palmyra zurückgelassen hatte, wurde sie ganz traurig. Ihre Freundinnen vermisste sie am meisten. Ihre Spielsachen und das Haus, in dem sie gelebt hatten, waren nur noch eine dunkle Erinnerung an eine Zeit, die nie mehr wiederkommen würde.

Auf dem beschwerlichen Weg von Südeuropa nach Deutschland war noch viel Schlimmeres passiert als die Momente, in denen zuhause Bomben explodierten und man nachts vom Knallen der Maschinengewehre geweckt wurde. In Mostar war sie von ihrer Familie getrennt worden. In dem schrecklichen Chaos hatte sie ihre Familie aus den Augen verloren und stand plötzlich ganz allein da. Alle Versuche, ihre Eltern wiederzufinden, waren vergeblich. Sie weinte, denn plötzlich war sie vollkommen allein. Um sie herum nur fremde Menschen. Sie fror und wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Einige freundliche Menschen nahmen sie mit und nach vielen Wochen erreichten sie ein Land, das Bayern hieß. Von dort ging es mit Bussen weiter nach Norden. Irgendwann war sie in Hessen. Während der gesamten Reise kümmerten sich viele nette Menschen um sie, denn mit ihren elf Jahren war Amira eben doch noch ein Kind.

09_kerzeJetzt war sie seit zwei Monaten in einem Dorf in einer Gemeinde, die Haunetal hieß. Sie hatte wirklich Glück gehabt, denn sie lebte jetzt in einer Wohngruppe mit fünf anderen Kindern. Mehrere Betreuer kümmerten sich darum, dass Amira und die anderen regelmäßig zur Schule gingen und etwas zu Essen hatten. Immer, wenn Amira nachts wach lag, musste sie an all das denken. Vor allem fragte sie sich, wo Zeki und Mama und Papa waren. Ob es ihnen auch gut ging? Ob sie überhaupt noch am Leben waren? Sie hoffte es ganz fest.

Plötzlich klopfte es leise an ihre Zimmertür. Amira stand auf und machte die Tür vorsichtig auf. Dort stand Kira, die so alt war wie sie selbst. Kiras Eltern hatten sich vor ein paar Jahren getrennt und die Zustände in ihrem damaligen Zuhause hatten es nicht zugelassen, dass das Mädchen dort bleiben konnte. „Schön, dass du noch wach bist“, sagte Kira. „Ich kann auch nicht schlafen“, fügte sie hinzu. „Komm‘ doch rein und setzt dich zu mir“, schlug Amira vor. Denn jetzt im Dezember war der Flur kalt und in ihrem Zimmer war die Heizung an. Die beiden Mädchen kuschelten sich unter Amiras Decke, nachdem sie eine Duftkerze angezündet hatten. Die Vorteile, in Deutschland leben zu können, hatte Amira in den paar Monaten sehr zu schätzen gelernt. Sie fand auch noch eine Packung Spekulatius, und so machten die beiden es sich richtig gemütlich.

01Kira kannte Amiras Geschichte und Amira die ihre. Beide wussten, dass ihnen etwas sehr Wichtiges fehlte. Sie hatten zwar die Betreuer und lebten jetzt ohne materielle Sorgen, aber tief in ihren Herzen wussten sie, dass ihre Familien ihnen fehlten. „Sag‘ mal, was ist denn eigentlich dieser Heiligabend?“, fragte Amira. „Also, das muss ich dir erklären“, antwortete Kira. „Heiligabend ist ein ganz besonderer Tag. An diesem Tag wurde Jesus in Bethlehem geboren.“ „Was hat dieser Jesus eigentlich gemacht? Bei uns gibt es den auch, aber wir feiern seine Geburt nicht“, sagte Amira. „Das ist der Sohn von Gott. Also, von unserem Gott“, antwortete Kira. „Habt ihr denn wirklich einen anderen Gott?“, fragte Amira. „Naja, ich glaube schon“, meinte Kira.

Sie war früher zum Kindergottesdienst gegangen und wusste ein bisschen etwas darüber, dass es auf der Welt mehrere Religionen gab. Hier in Deutschland waren die meisten Christen – wie sie. Und diejenigen, die aus arabischen Ländern kamen wie Amira, gehörten meist dem Islam an. Dann gab es noch Juden und Buddhisten und ein paar andere Glaubensrichtungen auf der Welt.

Aber bei Pfarrer Jaeger hatten sie im Gemeinderaum der kleinen Dorfkirche ihres Heimatortes meistens über Jesus gesprochen. „Jesus ist der Sohn Gottes. Er sitzt zu dessen Rechten und ist unser Erlöser“, hatte Pfarrer Jaeger damals gesagt. „Was ist ein Erlöser?“, fragten die Kinder. „Der Erlöser ist jemand, der all‘ das, was wir Schlechtes getan haben, vergibt. Der uns alle versöhnt und dafür sorgt, dass wir in den Himmel kommen“, hatte der Pfarrer geantwortet. Das erzählte Kira nun auch Amira. „Das ist ja wie bei uns“, meinte Amira. „Wer bei uns an Allah glaubt, der kommt auch in den Himmel, sagt mein Papa.“ „Oh, das wusste ich gar nicht“, sagte Kira.

Dann erzählte sie Amira, dass Jesus zusammen mit Gott und dem Heiligen Geist ganz wichtig für die Christen ist. „Dreifaltigkeit“ war ein Wort, an das sie sich erinnern konnte. Es bezeichnete das, worauf der christliche Glaube beruht. „Maria hat Jesus am 24. Dezember geboren. Sie und ihr Mann Josef waren arm und mussten nach Bethlehem reisen, um sich zählen zu lassen“, fuhr Kira fort. Aber weil sie wenig Geld hatten, konnten sie in kein Hotel gehen. Ein Wirt sagte zu ihnen, dass sie in seinem Stall übernachten dürften“, erzählte Kira. „Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Meine Familie musste auch lange reisen. Und wir konnten auch nicht in Hotels schlafen“, sagte Amira. „Ja, aber ihr seid ja vor dem Krieg geflohen und nicht, weil ihr zu einer Volkszählung musstet“, meinte Kira.

05

Dann fuhr Kira fort, Amira die Geschichte von Jesus zu erzählen. „Ein Engel hat ein paar Hirten erzählt, dass der Erlöser an diesem Abend auf die Welt kommen würde. Ein heller Stern würde ihnen zeigen, wohin sie gehen müssten, um das Wunder mitzuerleben. Die Hirten ließen ihre Schafe zurück und packten ein paar Geschenke ein, um sie dem Jesuskind zu bringen“, sagte Kira. „Dazu gibt es auch ganz viele Weihnachtslieder, die die Geschichte vom Engel und den Hirten erzählen“, sagte sie. „,Vom Himmel hoch‘ oder ,Kommet, Ihr Hirten’ sind nur zwei davon. Sie legte schnell ihre Weihnachts-CD ein und die beiden hörten sich die Lieder an. „Die sind schön“, sagte Amira.

„Dann sagte der Engel drei Weisen aus dem Morgenland bescheid. Auch sie sollten sich auf den Weg machen und dem Stern folgen, um dem Jesuskind Geschenke zu bringen und es zu ehren“, erinnerte sich Kira an den Kindergottesdienst. „Sie nahmen Gold, Weihrauch und Myrrhe und gingen nach Bethlehem“, fuhr Kira fort. „Was ist denn Myrrhe?“, fragte Amira dazwischen. „Das ist irgendwas von Bäumen“, antwortete Kira. Sie holte ihr Handy und googelte danach. „Myrrhe (semitisch murr = „bitter“) ist das Harz von zwei oder drei Arten der Gattung Commiphora, beispielsweise Commiphora myrrha aus der Familie der Balsambaumgewächse“, hieß es bei „Wikipedia“. „Da steht noch, dass es damals sehr wertvoll war“, sagte Kira. So wussten sie wenigstens in etwa, was Myrrhe war.

12_weihnachtsbaumDass Gold wertvoll war, war den beiden Mädchen klar. Und was ist Weihrauch? „Symbolisch steht der Weihrauch für Reinigung, Verehrung und Gebet“, las Kira aus dem Internet vor. „Die Katholiken wedeln das in einigen Gottesdiensten herum“, sagte Kira. „Bei uns in der evangelischen Kirche gibt es das nicht.“ Sie konnte sich aber daran erinnern, dass sie selbst einmal ein Gefäß mit Weihrauch vor sich hin- und hergeschwenkt hatte. Vor zwei Jahren hatte sie im Krippenspiel bei Pfarrer Jaeger einen der Heiligen Drei Könige gespielt. Zum Glück nicht den Schwarzen, denn der musste ganz mit Schminke angemalt werden. Sie hatte damals husten müssen, als sie als Balthasar mit Melchior und Caspar und dem Weihrauchgefäß durch den Kirchengang gelaufen war.

Du hast mal einen König gespielt?“, staunte Amira. „Ja, das war ganz feierlich. Der Kinderchor hat Weihnachtslieder gesungen und die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt“, erzählte Kira. „Ich war ganz schön aufgeregt, denn ich musste mit den beiden anderen ein Lied singen. Das hieß ,Die heilgen drei König mit ihrigem Stern’“, erinnerte sie sich. Sie summte Amira die Melodie vor. „Aber wir haben natürlich ,Wir heil’gen drei König’ mit unsrigem Stern’ gesungen. Schließlich waren wir ja die Könige“, sagte Kira schmunzelnd. Sie erinnerte sich gerne an genau dieses Weihnachten. Denn es war das letzte, das sie mit Mama und Papa verbracht hatte. Sie wurde traurig. „Was hast du denn?“, fragte Amira. Kira erzählte es ihr und nun stiegen auch Amira die Tränen in die Augen. „Ich vermisse meine Eltern und Zeki auch ganz doll“, sagte sie. Und noch immer wusste sie nicht, was den Dreien passiert war und wie es ihnen ging. Die Betreuer ihrer Wohngruppe hatten schon mehrere Versuche gestartet, um Amiras Eltern zu finden. Aber bisher hatte niemand Erfolg gehabt.

Um die traurigen Gedanken zu verjagen, sagte Amira: „Komm’, erzähl mir weiter von Jesus und Maria und Josef und von den Hirten und Königen.“ „Wo waren wir? Ach ja, bei der Reise der drei Könige. Also, die kamen ziemlich zusammen mit den Hirten in Bethlehem an. Der helle Stern über dem Stall hatte ihnen gezeigt, wo sie hin mussten.”

10_tannenzweigJesus war gerade geboren worden und lag in einer Futterkrippe. „Maria und Josef hatten ja nichts anderes da“, erzählte Kira weiter. „Die Hirten und die Könige legten ihre Geschenke ab und beteten das Kind an“, sagte Kira. „Woher weißt du das eigentlich alles?“, fragte Amira. „Aus dem Kindergottesdienst und dem Kinderchor“, antwortete Kira. Sowohl Pfarrer Jaeger als auch der Chorleiter Sebastian hatten ihnen beim Einstudieren des Krippenspiels viel erzählt, was nicht im Drehbuch gestanden hatte. „Damit ihr wisst, worum es eigentlich geht“, hatte Sebastian gesagt.

Amira wusste, dass sie in Deutschland bleiben wollte. Am liebsten natürlich mit Mama und Papa und Zeki. Wo sie wohl waren…? Und weil sie gerne hierbleiben wollte, interessierte sie sich auch sehr dafür, was hierzulande wichtig war. In der Schule, in die sie jeden Morgen gemeinsam mit den anderen Kindern aus der Wohngruppe fuhr, hatte sie schnell deutsch gelernt. Ihre Klassenkameraden waren nett, nur Alex war ein Ekel. Der ärgerte sie immer und meinte, dass er „was besseres“ sei, weil seine Eltern Ärzte waren. Aber Amira hatte gelernt, ihm aus dem Weg zu gehen. Und mit den anderen kam sie gut zurecht.

Sie hatten in der Schule auch Namen gezogen, um zu „Wichteln“. Amira hatte natürlich nicht gewusst, was das war. Aber Luca hatte ihr erzählt, dass man dabei den Namen eines anderen Kindes zieht und diesem ein kleines Geschenk zu Weihnachten macht. Sie hatte einen Schokoweihnachtsmann und eine Halskette. „Warum schenkt ihr euch eigentlich an Weihnachten ‘was?“, fragte Amira jetzt. Kira knabberte Spekulatius und dachte kurz nach. „Die Könige und Hirten haben dem Jesuskind auch was geschenkt. Bestimmt deswegen“, vermutete sie. „Ach so“, sagte Amira. „Ob wir wohl auch etwas geschenkt bekommen?“, fragte sie sich. „Bestimmt. Aber eigentlich ist es mir gar nicht so wichtig, Spielsachen und Süßigkeiten zu kriegen“, sagte Kira. Sie hatte einen ganz anderen Wunsch. Und sie konnte sich denken, dass auch Amira etwas ganz anderes wollte. „Ich würde mir wünschen, dass ich meine Eltern wiederbekomme“, sagte Amira plötzlich. Kira hatte also Recht gehabt. „Weihnachten ist immer die Zeit der Wunder“, sagte sie. Vielleicht würde auch ihnen beiden ein Wunder geschehen. Kira musste gähnen. „Ich glaube, ich gehe jetzt in mein Bett“, sagte sie. Amira war einverstanden, denn auch sie konnte die Augen kaum noch aufhalten. „Danke, dass du mir das mit Jesus und seiner Geburt und Weihnachten erzählt hast“, sagte sie.

04Am nächsten Morgen weckten die Betreuer die Kinder auf. Es war zwar keine Schule, weil sie seit ein paar Tagen Weihnachtsferien hatten, aber es stand für diesen Tag doch einiges auf dem Programm. Zuerst sollten Plätzchen gebacken werden, dann Geschenke eingepackt und natürlich musste auch der Weihnachtsbaum im Wohnzimmer geschmückt werden. Amira war das alles irgendwie fremd, aber es war ein wunderschönes Gefühl, dazu zu gehören und mit den anderen etwas gemeinsam machen zu können.

Nach dem Frühstück ging es gleich los. Mit Mehl, Zucker, Eiern, Zimt und anderen lecker duftenden Gewürzen wurde in der Küche gerührt und geknetet. Butterplätzchen wollten sie backen und Kokosmakronen und Nussplätzchen. Alle Kinder waren mit Feuereifer dabei und hatten ihren Spaß. Dabei lief die CD von Rolf Zuckowski und bei „In der Weihnachtsbäckerei“ sangen alle laut mit. Bei der Passage „Sind die Hände rein? Du Schwein!“ gab es besonders lautes Gelächter.

Nachdem die Plätzchen ausgestochen und geformt im Ofen vor sich hinbackten, gingen die Kinder daran, den mehr als zwei Meter hohen Weihnachtsbaum zu schmücken. Das Prachtstück hatten sie selbst mit einem Förster aus dem Wald geholt. In den vergangenen Wochen hatten sie Sterne, Engel und Zuckerstangen aus Goldfolie, Papier und Fotokarton gebastelt. Glitzernde Christbaumkugeln waren im Keller und auch Lametta in Gold, Silber und Violett war noch da. Amira und ihre Freunde hatten einen Riesenspaß und nach einer Stunde erstrahlte der Baum in vollem Glanz. „Das ist wunderschön“, sagte Amira zu Kira. „Ja, finde ich auch“, sagte diese und machte gleich ein Selfie mit Amira und sich vor dem prächtigen Weihnachtsbaum. Für „Instagram“ und „Facebook“, sagte sie. „Was ist denn das?“, fragte Amira. Kira erklärte es ihr kurz. Seit wenigen Wochen hatte sie nämlich einen Account und postete da gelegentlich Fotos von sich. Sie war stolz auf ihre mehr als 100 Follower und Freunde, die ihre Fotos auch fleißig mit Herzchen und „Likes“ bedachten. Mit ein paar Fingerstrichen auf ihrem Smartphone war das Foto von Amira und ihr zweimal im Netz.

13_zimtsternAls die duftenden Plätzchen aus dem Ofen geholt waren, konnten die Kinder es nicht lassen und mussten einfach ein bisschen naschen, ehe sie sich zu Fuß auf den Weg zur Kirche machten. Die kleine Kirche gefiel Amira. Vor allem die Engel und andere Figuren, mit denen das ganze Dach von innen bemalt war. Jetzt konnte sie sich auch vorstellen, wie der Engel aussah, der die Geburt des Jesuskindes verkündet hatte.

Die Pfarrerin sprach auch über Jesus und seine Geburt. Was das Weihnachtsfest heute für die Menschen bedeutet und dass es gar nicht so wichtig sei, viele und große Geschenke zu machen, sagte sie. Viel wichtiger sei, dass die Familie zusammenkommt und dass Weihnachten das „Fest der Liebe“ ist. Amira hörte gebannt zu und Tränen stiegen ihr in die Augen. Dass in der Zeit zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag auch eine Zeit der Wunder sei, sagte die Pfarrerin in ihrer Predigt. „Das wäre schön, wenn wirklich ein Wunder passieren würde“, dachte Amira, während die Gemeinde „Es ist ein Ros’ entsprungen“ sang. Die Lieder waren ganz anders als alles, was Amira bisher kennengelernt hatte. Aber sie waren schön und klangen mit der Orgel feierlich und sie sang gerne mit. Während des Weihnachtsgottesdienstes hatte es draußen zu schneien begonnen. Große Flocken fielen vom Himmel und hatten Häuser, Bäume und Straßen bereits mit einer weißen Schicht überzogen. Wie Zuckerguss sah die Welt aus und außer dem Läuten der Kirchenglocken herrschte eine besinnliche Stille.

In der Wohngruppe war es warm und behaglich und die Kinder zogen die kalten Winterklamotten aus. Außer Melanie war keiner der Betreuer zu sehen, aber irgendwas sagte Amira, dass heute noch etwas passieren würde. Sie wusste nicht was, aber es lag eine ganz besondere Stimmung in der Luft. Melanie hatte eine CD mit Weihnachtsliedern aufgelegt und der Duft der Plätzchen, vermischt mit den gebratenen Hühnchen und Rotkraut erinnerten die Kinder daran, dass sie richtig Hunger hatten.

Beim Essen musste Amira immer noch daran denken, dass die Pfarrerin von der Zeit der Wunder gesprochen hatte. Konnten Wunder passieren, wenn man nur fest genug daran glaubte? Nach dem Essen ging es ans Auspacken der Geschenke. Es lag nicht viel unter dem Weihnachtsbaum, aber immerhin hatten Kiras Eltern zwei Päckchen geschickt: Schminksachen von ihrer Mutter und ein Pferdebuch von ihrem Vater.

06Die Betreuer hatten natürlich auch etwas für Amira besorgt. Sie packte einen warmen Pullover mit den Gesichtern einer Marke, die fast alle Mädchen in der Schule cool fanden, aus. Und sie bekam ein Tagebuch geschenkt. Amira staunte, denn als sie es aufschlug, stand auf der ersten Seite schon etwas geschrieben: „Geh‘ nach draußen“, las sie dort in geschwungenen Buchstaben. Amira wunderte sich, dachte aber, dass die Betreuer das für sie hineingeschrieben hatten und vielleicht vor der Haustür eine weiteres Geschenk auf sie warten würde. Aber die Betreuer schienen nichts zu wissen – oder ließen sich zumindest nichts anmerken. Amira zog schnell ihre warme Winterjacke an und schlüpfte in ihre Stiefel. Niemand hatte bemerkt, dass sie das Wohnzimmer verlassen hatte und niemand folgte ihr.

Sie öffnete die Haustür. Nach dem Schneefall war es aufgeklart und die weiße Landschaft erstrahlte im Schein des Mondes. Eine Stille, wir Amira sie noch nie erlebt hatte, lag über dem Ort. In den Fenstern der Nachbarn hingen Lichterketten und leuchtende Sterne. Es war der 24. Dezember und alle Familien verbrachten diesen besonderen Abend gemeinsam. Der Gedanke an ihre Familie ließ Amira nicht los. Doch was sollte sie hier draußen? Warum hatte das neue Tagebuch ihr diese Botschaft geschickt?

Plötzlich durchbrach ein Motorgeräusch die Stille. Auf der Straße kam ein weißer Kleinbus näher. Amira erkannte ein rotes Kreuz auf der Seite des Wagens. Was hatte das zu bedeuten? Sie wartete gespannt, denn der Bus kam immer näher. Er fuhr genau auf ihr Haus zu und stoppte direkt vor Amira. Die Seitentür öffnete sich und Amira traute ihren Augen nicht: Mama, Papa und der kleine Zeki stiegen nacheinander aus! „Das kann nicht sein. Ich bin eingeschlafen und träume“, dachte Amira.

07Sie schloss die Augen und kniff sich in den Arm. Dann riskierte sie noch einen Blick auf die drei Gestalten, die dort im Schnee standen. Plötzlich stieß ihre Mutter einen Schrei aus und lief auf Amira zu. Sofort schossen Amira Tränen in die Augen und auch ihre Eltern sahen aus, als würden sie gleich anfangen zu weinen. Aber es waren Tränen der Freude. Jubelnd rannte Amira ihrer Familie in die Arme und konnte ihr Glück kaum fassen. „Mama! Papa!“, schluchzte sie. Mehr brachte sie nicht heraus. Es war kein Traum! Es war die Wirklichkeit. Sie hatte an Heiligabend ihre Familie wiederbekommen!

Später saßen Amira, ihre Eltern und Zeki, die Betreuer und die anderen Kinder zusammen bei den leckeren, selbstgebackenen Plätzchen und heißem Tee rund um den leuchtenden und glänzenden Weihnachtsbaum. Amira konnte gar nicht aufhören zu fragen, was ihre Eltern die ganzen Monate gemacht hatten und wie es ihnen ergangen war. Zeki saß auf ihrem Schoß und sah satt und zufrieden aus und knabberte an einem Butterplätzchen-Tannenbaum. Amiras Mutter, die inzwischen auch recht gut deutsch konnte, erzählte. Sie fand es ungerecht, wenn sie im Beisein der anderen arabisch gesprochen hätte. Nur manchmal musste sie für ihren Mann ein paar Worte übersetzen.

Die Eltern waren in ein Flüchtlingslager bei Gießen gekommen. Dort hatten sie mit vielen anderen zusammenleben müssen. Immer wieder haben sie nach Amira gefragt, aber die Behörden wussten nicht, wo sie war und konnten nicht helfen. Immer wieder hatten sie den anderen Flüchtlingen Fotos von Amira gezeigt und gefragt, ob sie jemand gesehen hätte. An Heiligabend dann war ein junger Mann aus Damaskus zu Amiras Mutter gekommen und zeigt ihr ein Foto auf „Facebook“. „Die sieht wie deine Tochter aus“, sagte er. Die Mutter schaute sich das Foto an und stieß einen Schrei der Überraschung aus. „Das ist unsere Amira! Woher hast du das Foto?“, wollte sie wissen. Der junge Syrer sagte, dass ein Arbeitskollege von ihm dieses Foto bei „Facebook“ gesehen habe.

Amiras Eltern machten sich sofort daran, das Mädchen Kira zu finden, die das Foto ins Internet gestellt hatte. „Über Umwege fanden wir heraus, dass das Foto im Haunetal gemacht worden war“, erzählte Amiras Mama. „Und dann haben wir uns an die Helfer vom Roten Kreuz gewendet“. Dort wurde ihnen schnell geholfen und ein Kleinbus vom DRK brachte Amiras Familie sogar an Heiligabend von Gießen ins Haunetal. „Und jetzt sind wir hier“, sagte die Mutter und wieder stiegen ihr Tränen in die Augen.

08

Amira, die sich bei den Worten der Pfarrerin so sehr ein Weihnachtswunder gewünscht hatte, war überglücklich. Jetzt würde alles gut werden. Jetzt hatte sie ihre Eltern und Zeki wieder. Jetzt konnten sie gemeinsam überlegen, wie es weitergehen sollte.

11_geschenkAlle in der Wohngruppe freuten sich mit Amira und ihren Eltern. Auch Kira. Aber Amira merkte, dass Kira traurig war. Und sie wusste, warum. Nach dem Essen gingen die beiden Mädchen in Kiras Zimmer. „Ich weiß, warum du traurig bist“, sagte Amira. „Ja, das bin ich. Meine Eltern sind zwar nicht so weit weg und ich weiß, wo sie leben. Aber es wird nie wieder so sein, wie es früher war“, sagte Kira traurig. „Mama und Papa verstehen sich nicht mehr und streiten sich nur. Und sie haben sowieso keine Zeit mehr für mich.“ „Wer weiß, was die Zeit bringen wird. Auch wenn wir an den Islam und Allah glauben, so hat doch Euer Gott für mich und meine Familie ein Weihnachtswunder bewirkt“, sagte Amira und nahm ihre Freundin in die Arme. „Vielleicht kommt irgendwann ein Weihnachtsfest, an dem du auch ein solches Wunder erlebst. Gib’ die Hoffnung nicht auf“, fügte sie hinzu. Kira dankte ihr und die beiden gingen zurück zu den anderen.

Amira schaute noch einmal in ihr neues Tagebuch. Und ihre Augen wurden groß, denn die geschwungenen Buchstaben mit den Worten „Geh‘ nach draußen“ waren verschwunden …! Ein solches Weihnachtsfest der Kulturen hatten die Kinder der Wohngruppe noch nicht erlebt. Sie sollten alle noch lange daran denken.

Und sie werden den Glauben an Weihnachten als Fest der Liebe und die Zeit der Wunder niemals vergessen.

ENDE

Über den Autor
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  • 2 Kommentare
    Kommentare 2 Pingbacks 0
    1. Wunderschön geschrieben!!! Mit Einen in den Augen habe ich es zu Ende gelesen.
      Wunderbar illustriert!
      Vielen herzlichen Dank an den Autor und den Illustrator für diese tolle Weihnachtsgschichte, die altbewähres und die heutige Zeit vereint.

      1. Wunderschön geschrieben!!! Mit Tränen in den Augen habe ich es zu Ende gelesen.
        Wunderbar illustriert!
        Vielen herzlichen Dank an den Autor und den Illustrator für diese tolle Weihnachtsgschichte, die altbewähres und die heutige Zeit vereint.

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